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Die Tage der ungesäuerten Brote, Kapitel 2


Herr Savic, der Finanzbeamte, der Steuern eintrieb, wohnte jahrelang bei uns in der Dachkammer. Wie stolz er nur war, als er eine neue, grüne Uniform bekam. Auch trug er einen kurzen Säbel an der Seite. Allen armen Schneiderinnen war es Angst und bange vor ihm, zu reichen Gutsbesitzern und Kaufleuten dagegen war er immer freundlich.
.... Als kleines Mädchen fürchtete ich mich vor den Zigeunern. Oft fuhren sie durch das Dorf auf dem Wagen, dem ein Pferd, irgend so ein magerer Gaul, vorgespannt war. Über den Wagen war eine Tuchplane gespannt und aus dem Wagen spähten Krausköpfe dunkelhäutiger Zigeunerkinder hervor. Man erzählte, die Zigeuner würden Kinder stehlen, um sie dann zu verkaufen oder zu verstümmeln, damit sie für sie betteln gehen. "Mutti, sag dem Herrn Finanzbeamten, er solle alle Zigeuner verhaften", pflegte ich zu sagen.
.... Ich saß auf der untersten Stufe der Treppe, die zur Eingangstür unseres Hauses führte, und zwei Stufen höher saß meine Lieblingspuppe Beba, so daß wir damals ungefähr gleich groß waren. Mit dem Rücken zur Straße gedreht, merkte ich nicht, daß jemand zu uns kam. Als ich endlich Schritte hörte, drehte ich mich um und sah eine Zigeunerin. Ich lief die Treppe hoch, die Zigeunerin aber folgte mir: sterbend vor Angst versteckte ich mich hinter der Tür. Verängstigt schielte ich durch den engen Spalt zwischen Tür und Türstock, und sieh da, die Zigeunerin trat in unser Haus ein. Glücklicherweise bemerkte sie mich nicht, sondern ging geradeaus zu der Treppe, die zur Dachkammer des Herrn Savic führte. Ich stürzte zu Mutti in die Küche.
.... "Mutti, die Zigeunerin wollte mich stehlen!"
.... "Wieso hatte sie dich dann nicht gestohlen?" lachte Mutti.
.... "Ich versteckte mich hinter der Tür."
.... "Hab keine Angst, sie tut dir nichts."
.... Aus der Nähe betrachtet schien die Zigeunerin in der Tat nicht so gefährlich. Si war jung und schön, und hatte ein buntes Kleid mit großen roten Rosen an.
.... "Warum geht die Zigeunerin zu Herrn Savic?" fragte ich Mutti.
.... "Vielleicht hat sie etwas verbrochen und muß jetzt von ihm verhört werden", antwortete Mutti Irgendwie mürrisch.
.... Es ist Samstag und es erscheint die Frau des Finanzbeamten mit ihren Kindern. Wir wollen draußen spielen, aber Mutti erlaubt es nicht. Frau Savic und Mutti sitzen an dem großen Tisch, bedeckt mit einem Tuch, der fast bis zum Boden reicht. Wir Kinder kriechen unter den Tisch, was ich auch früher gerne getan habe, und spielen dort leise, nur um den Erwachsenen nahe zu sein und ihren Gesprächen zuzuhören. Obwohl wir nicht alles verstehen können, ist für uns alles interessant. Plötzlich tauche ich unter dem Tisch auf und bitte Frau Savic, dem Herrn Finanzbeamten zu sagen, daß alle Zigeuner verhaftet werden sollen. Ich fange etwas vom Verhör der jungen Zigeunerin zu faseln an, Frau Savic versteht mich aber nicht, und Mutti unterbricht mich, indem sie uns Kinder in den Hof schickt.
....
.... * * *
....
.... Die Zigeunerkolonne zieht ungeordnet die Straße entlang, Staubwolken aufwirbelnd, die den unteren Teil ihrer Beine verbergen, so daß es aussieht, als würden die Zigeuner auf einer Wolke segeln. An den Seiten der Kolonne gehen Ustaschas mit Gewehren.
.... In der Kolonne viele alte Bekannte: Schmiede, Trogmacher, Musiker, Akrobaten, Pferdehändler, Quacksalber und Wahrsagerinnen. Jetzt hilft ihnen weder der Bärenzahn, noch die getrocknete Maulwurfpfote, noch all die Amulette, die sie aus ihren Zelten mitgenommen haben. Nicht einmal die Alraune, diese der menschlichen Gestalt ähnelnde Wurzel der Mandragora, die sie jahrhundertelang vor allem Übel außer dem unabwendbaren Tod schützt, nicht einmal sie kann jetzt helfen. Werden sie abgeführt wegen dem Fluch, der auf ihnen lastet, weil sie Nägel zur Kreuzigung Christi geschmiedet hätten?
.... Während einer der Ustaschas die Gruppe der Zurückgebliebenen anbrüllt, stiehlt sich die Zigeunerin Brena unbemerkt aus der Kolonne und läuft außer Atem in unseren Hof.
.... "Wo ist der Finanzbeamte?" fragt sie in Panik mit einem letzten Schimmer Hoffnung in den Augen.
.... Noch unlängst ist sie vorsichtig die Treppe zur Mansardenwohnung hinaufgeschlichen, wo Herr Savic wohnt. Die Holztreppe knarrte dabei und wir sagten: "Brena kommt."
.... "Weißt du, Frau", erzählte Brena einmal meiner Mutter, "als ich ihn zum ersten Mal in jener grünen Uniform sah mit jenem Säbelchen an der Seite, da schwor ich, daß ich keine Ruhe finden werde, solange er nicht in meinen Armen liegt. Meine Mutti lehrte mich, wie das zu machen ist. Du bereitest den Teig, in den du Haare, Speichel, Blut, Fingernägel und alles, was von ihm stammt und was du auftreiben kannst, hineintust, machts aus dem Teig die Form eines menschlichen Körpers und gibst ihr den Namen von dem, den du haben willst. Dann vergräbst du diese Figur an der Straßenkreuzung, wenn der Mond zunimmt und, verzeih mir, pißt du drauf. Weißt du, Frau, keiner auf der Welt kann sich dem Zauber entziehen. Wenn du willst und wann du willst, besorge ich dir auch auf diese Weise einen jeden, nur rühre mir nicht den Finanzbeamten an."
.... Der Finanzbeamte ist nicht da, die Tür ist verschlossen, und Brena kehrt niedergeschlagen in die Kolonne zurück.
.... Da ist auch der alte Zigeuner Kosta, aber seinen Bären führt er nicht mit. Noch sehe ich sie beide, wie sie im Dorf Runden machen. Der Zigeuner sang melancholische Weisen und schlug auf die kleine Trommel, der Bär richtete sich auf und tanzte auf den Hintertatzen, einen Ring in der Schnauze, verbunden mit dem Stock, den der Zigeuner in der Hand hielt. Unweit von ihnen auf dem Straßenrand lang ein alter Hut mit ein paar Münzen drinnen. Da war auch der Hund, der auf den Hinterbeinen saß und mit den Vorderbeinen bettelte. Wo ist jetzt der Bär, wo der magere Hund? Am Rande der Weide stehen keine Zelte mehr und abends hört man nicht mehr das Geigenspiel.
.... Sieh da, auch unsere Juden führt man ab. Meine Schulkameradin Jutta trägt ein Köfferchen und schreitet neben ihren Eltern. Um den Arm haben sie gelbe Binden mit dem Davidstern. Auch Arno aus unserer Klasse ist da, scheint noch magerer als sonst. Jetzt trägt er keine Brille, geht ein wenig gebeugt, als möchte er besser sehen, wo er seinen Fuß hinsetzt.
.... Ich will das Fenster öffnen, um Jutta, Arno und ihre Eltern zu grüßen.
.... "Mach nicht auf, es ist gefährlich. Man könnte uns für Judenfreunde halten", mahnt Mutti.
.... Als sie an unserem Fenster vorbeigingen, trat ich hinter die Gardine zurück. Jutta hatte ihr Kleid von dem Schulfest an. Wie hatten wir sie damals beneidet, als sie fröhlich durch den Tanzsaal flog. Klassenlehrer und Direktor beglückwünschten uns alle, sprachen von neuen Horizonten, von der Zukunft, die uns Tür und Tor öffnen wird.
.... Die Judenkolonne zieht in Richtung Bahnhof. Dort, fast am Ende der Straße, bei der Biegung, verschwinden Jutta und Arno hinter dem letzten Kastanienbaum.
....
.... Konvois der deutschen Wehrmacht fahren weg, dann kommen wieder neue. Eine lange Reihe Militärfahrzeuge hält eine Zeitlang unter den Kastanienbäumen und fährt dann wieder weg. Ich beobachtete sie, wie sie sich in Richtung Hauptstraße bewegt. Hinter den Wolken guckt der Mond hervor, eine gelbe Sichel am dunkelgrauen Himmel. Bald bricht der Tag an.
.... Motorlärm weckt mich. Von der Hauptstraße her kommt eine neue Fahrzeugkolonne. Lastkraftwagen fahren an unserem Haus vorbei. Als der erste das Ende der Straße erreicht hat, hält die Kolonne an. Lichter gehen aus, Motoren werden abgestellt.
.... Wiederum Stille, und bevor mein Kopf das Kissen berührt hat, schlafe ich schon ein.
.... Ich höre Klopfen. Durch die angelehnte Tür meines Zimmers sehe ich vor der Eingangstür einen Offizier mit einer hohen Offizierkappe stehen.
.... Die Tür nur so weit öffnend, um den Kopf durchstecken zu können, erblicke ich einen hochgewachsenen, jungen Offizier mit ernsthaftem, fast strengem Gesichtsausdruck. Um den Mund scheint für einen Augenblick der Anflug eines Lächelns zu schweben, dann aber wird das Gesicht wieder ernst. Besonders beeindruckend sind seine Augen: große, blaue Augen, und in ihnen eine ungewöhnliche Tiefe, ja auch ein wenig Trübsinn.
.... "Wir bringen Soldaten in den Häusern unter". In einer halben Stunde sind wir da, sagte er, berührte mit Fingerspitzen die Kappe, machte kehrt und verschwand auf der Straße hinter dem Hauseck.
.... Es kamen drei: derselbe junge Leutnant und zwei ältere Offiziere.
.... Ich hätte wohl kaum bemerkt, gesungen zu haben, hätte ich nicht von der Tür her gehört:
.... "Fräulein singen sehr schön."
.... Damals bemerkte ich zum ersten Mal ein Lächeln auf seinem Gesicht. Wie schön ist er, wenn er lächelt, dachte ich, mich vor mir selber schämend.
.... "Mutti, können wir heute früher zu Abend essen. Nach dem Abendessen kommt Boris."
.... "Man sollte eigentlich diese abendlichen Besuche ein wenig einschränken. Du weißt, daß in diesem Jahr das Abitur auf dich zukommt."
.... "Eben deswegen. Wir werden Mathematik pauken, Abiturlehrstoff."
.... "Schlau seid ihr, daß muß man euch schon lassen. Immer findet ihr einen Weg, um euch zu treffen. Ihr könntet einmal gute Rechtsanwälte werden", scherzt Mutti.
.... "Vielleicht werden wir es auch. Boris schwärmt von Jura, und du weißt ja selber, daß es Rechtsanwälten heutzutage nicht schlecht geht. Und von dir aus sollte ich Medizin studieren, deinen Traumberuf, nicht wahr?"
.... "Ist Medizin doch nicht besser als Jura?" fragt Mutti vorsichtig.
.... "Sie kann es sein, aber nicht für einen jeden. Schon bei den ersten Übungen fallen Studenten in Ohnmacht."
.... "Davon hab ich auch gehört, daß einige Studenten ohnmächtig werden. Später aber gewöhnen sie sich schon", läßt Mutti nicht locker.
....
.... Drei deutsche Offiziere richteten sich im Zimmer am Ende des Ganges ein. Tagsüber waren sie kaum zu sehen. Gewöhnlich kamen sie erst am Abend. Bei uns kehrten sie nur selten ein, hauptsächlich um etwas vom Küchengeschirr zu borgen.
.... Als der Leutnant erstmals Boris gesehen hatte, wie er bei mir saß und mit mir Mathematik übte, schien es mir, daß sein Blick tiefer und ernster geworden war als sonst.
.... Ich fange an, Boris mit dem Leutnant zu vergleichen. Boris ist von mittlerem Wuchs, stämmig, ein wenig träge in seinen Bewegungen. Der Leutnant dagegen ist hochgewachsen, die Uniform sitzt ihm wie angegossen und in seinen Bewegungen spürt man Lebhaftigkeit und Eleganz. Gedankenverloren sitze ich da. Boris tippt mir auf den Oberarm.
.... "He, schläfst du schon?"
.... "Keine Spur! Nur habe ich ein wenig Angst vor dem Abitur, und so stelle ich mir vor, daß ich schon vor der Prüfungskommision säße. Sofort kriege ich eine Gänsehaut."
.... "Könnte es eher sein, daß du verliebt bist?"
.... "Geh, du spinnst. In wen sollte ich mich denn verlieben?"
.... Wir fuhren mit der Wiederholung der Trigonometrie fort. Plötzlich sagt Boris:
.... "Hör mal, hübsch ist er, dieser Schwabenleutnant. Gib acht auf dich!"
.... "Was erzählst du da? Was denkst du von mir?" antworte ich beleidigt.


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